Steno entziffern - Transkription kurzschriftlicher Dokumente

     

    Häufig erreichen uns Anfragen von wissenschaftlichen Einrichtungen, Museen und anderen Institutionen, aber auch von Privatpersonen, die um Hilfe bei der Übertragung von stenografisch abgefassten Schriftstücken bitten. Oft handelt es sich bei den verwendeten Kurzschriften um historische, heute nicht mehr angewandte Systeme, für die es deutschland- und europaweit nur wenige Spezialisten gibt.  

     

    ERSTER SCHRITT: Identifizierung des vorliegenden Stenografiesystems

     

    Allein im deutschen Sprachraum existieren mehrere Hundert unterschiedliche Kurzschriftsysteme. Die häufiger auftauchenden Systeme weisen außerdem noch verschiedene Systemvarianten (Entwicklungsgrade) und innerhalb dieser Varianten häufig auch mehrere Systemstufen (Kürzungsgrade) auf. Darüber hinaus kommt es vor, dass individuelle Mischformen aus zwei Systemen oder zwei Systemvarianten verwendet wurden.

     

    Deshalb ist schon zur Erkennung und Einordnung des Stenografiesystems die Hinzuziehung eines Experten erforderlich.

     

    Die Bestimmung des genutzten Systems nehmen wir für Mitglieder der Forschungsstätte kostenlos vor. Bei externen Anfragen sind wir nach Überweisung einer Gebühr in Höhe von 40 € bereit, diese gutachterliche Leistung für Sie zu erbringen. (Bankdaten enthält unser Infoblatt.)

     

    Senden Sie uns hierzu bitte per E-Mail ein bis zwei eingescannte Musterseiten Ihrer Vorlage in guter Qualität. Geben Sie uns Geburtsjahr und Geburtsort des Verfassers der Handschrift sowie Zeit und Ort seines Schul- und ggf. Hochschulbesuchs an. Auch weitere Hintergründe zur Entstehung des Stenogramms sind sinnvoll. Informieren Sie uns bitte außerdem über den ungefähren Umfang Ihres Dokuments. Damit wenden Sie sich bitte an:

     

    Da wir diesen Service zusätzlich zu unseren beruflichen und ehrenamtlichen Verpflichtungen erbringen und da wir viele Anfragen erhalten, können wir leider nur selten gleich postwendend antworten. Auch die Erstellung eines Kurzgutachtens nimmt einige Zeit in Anspruch. Bitte stellen Sie sich daher auf eine gewisse Wartezeit ein und haben Sie etwas Geduld mit uns. Generell gilt: Anfragen werden erst nach Eingang der Systembestimmungsgebühr bearbeitet.

     

    ZWEITER SCHRITT: Entschlüsselung der Vorlage

     

    Möglichkeit a: Nachdem wir Ihnen unser Kurzgutachten übersandt haben, wissen Sie, um welches Stenografiesystem es sich im Fall Ihres Dokuments handelt. Am kostengünstigsten ist es, wenn Sie das betreffende Schriftsystem anschließend selbst erlernen. Für die gängigsten Systeme geben wir Ihnen gern konkrete Hinweise auf verfügbare und geeignete Lehrmaterialien. Viele Kurzschriften lassen sich schon innerhalb weniger Wochen durchdringen, falls Sie bereits Anwender eines ähnlich strukturierten Stenografiesystems sind.

     

    Sind Sie stenografischer Laie und beginnen von null, dann sollten Sie für das eigene Erlernen mit etlichen Monaten rechnen. Der Weg zur Beherrschung eines komplexen Stenografiesystems, insbesondere in stark gekürzter Form, ist ähnlich aufwendig wie das Erlernen einer Fremdsprache oder eines Musikinstruments. (Bedenken Sie bitte, dass der Verfasser Ihrer Unterlagen in aller Regel schon als junger Mensch und über mehrere Schuljahre hinweg stengrafieren gelernt hat. Das gelingt nicht über Nacht.)

     

    Möglichkeit b: Haben Sie nicht den nötigen zeitlichen Freiraum, so können wir versuchen, Ihnen einen systemkundigen Stenografen zu vermitteln, der in der Lage ist, die Aufzeichnungen zu transkribieren. Da es für jene Systeme, die heute nicht mehr in Gebrauch sind, jeweils nur wenige Spezialisten gibt (aber zahlreiche Übertragungsaufträge), ist - je nach System - mit einer mittleren oder längeren Wartezeit zu rechnen.

     

    Bitte beachten Sie: Auch Experten können solche Materialien nicht fließend herunterlesen, da es sich (bei historischen Systemen) nicht um ihr eigenes "Muttersystem" handelt. Besonders das Einlesen in die ersten Seiten kostet viel Mühe. Auch wenn man mit den Grundlagen eines Systems vertraut ist, muss man sich auf jeden Anwender neu einstellen: Viele Verfasser haben nicht völlig systemgerecht geschrieben oder für ihre persönlichen Zwecke (bzw. aus ihrem Fachgebiet) Spezialkürzel entwickelt, denen man erst auf die Spur kommen muss.

     

    Ausschlaggebend für den zeitlichen Aufwand, der zur Entschlüsselung Ihres stenografischen Schriftstücks konkret anfällt, sind neben der Art und dem Schwierigkeitsgrad des verwendeten Systems z. B. auch die Deutlichkeit der Schrift, die zugrunde liegende Thematik, der Kürzungsgrad, die individuelle Handschrift und der Grad der Kurzschriftbeherrschung des Verfassers (Fehlerhäufigkeit). Generell kommt bei der Beauftragung eines Experten - auch bei moderaten Stundensätzen - relativ bald ein größerer Betrag zusammen.

     

     

    Alte Stenogramme - eine typische Anfrage und eine typische Antwort

     

    Immer wieder erhalten wir E-Mails, die der nachfolgenden sehr ähnlich sind. Dies soll Anlass sein, die hier gestellte Frage grundsätzlicher zu beantworten, um so vielleicht dem einen oder anderen schon einige erforderliche Grundlageninformationen zu geben.

     

    Hier zunächst die Anfrage:

     

      Hallo,

       

      ich möchte eine Stenoseite in "Klarschrift" übersetzen.

       

      Gibt es so etwas wie eine Übersetzungshilfe oder Übersetzungstabelle?

       

      Besten Dank im Voraus.

     

    Nachfolgend unsere Antwort:

     

      Hallo,

       

      das ist leider nicht so einfach. Steno weist ein anderes Grundprinzip auf als die lateinische Schrift. Steno ist auch nicht (wie z. B. die kyrillische oder griechische Schrift) ein System, in dem für einen Laut im Prinzip ein(e) Buchstabe(nfolge) geschrieben wird. Was man vielleicht aus dem Urlaub kennt mit einer Übersetzungstafel wird Buchstabe für Buchstabe umgesetzt, und schon kann man in Griechenland ein Schild entziffern –, funktioniert in der Stenografie nicht. Man kann nicht einfach eine stenografische = kurzschriftliche Zeichenfolge gegen langschriftliche Buchstabenformen austauschen.

       

      Die üblicherweise in Deutschland verwendeten Stenografiesysteme setzen sich aus speziellen Zeichen zur Darstellung von Lauten, Silben, Wortteilen und Wörtern zusammen. Nur so ist es möglich, dass die Stenografie eine derart hohe Informationsdichte und Effizienz besitzt.

       

      Stenografische Zeichen können frei miteinander kombiniert werden. Auch der Art der Verbindung dieser Zeichen kommt besondere Bedeutung zu. So werden in vielen Systemen z. B. Selbstlaute (Vokale) gar nicht geschrieben, sondern nur an vorausgehenden oder nachfolgenden Mitlautzeichen symbolisiert. Hinzu kommen in höheren Systemstufen noch ausgefeilte Regeln, nach denen bestimmte Zeichen weggelassen werden können.

       

      Wenn Sie Pech haben, handelt es sich um ein altes Stenographiesystem (das unter Umständen nicht mehr viel mit dem heutigen zu tun hat) oder um ein ausländisches. Es ist also leider nicht ganz so einfach.

       

      Wenn das Material wichtig für Sie ist, so mailen Sie uns doch bitte eine (Muster-)Seite in Form eines gescannten Bildes. Dann können wir feststellen, um welches Kurzschriftsystem es sich handelt. Vielleicht reicht diese Information für Sie aus, um sich an einen Kurzschriftkundigen in Ihrem Bekanntenkreis zu wenden. Sollte das nicht gelingen, können wir Ihnen jemanden vermitteln, der Ihnen den stenografischen Text in Langschrift übersetzt. Leider wird eine solche Übersetzung kaum kostenfrei zu machen sein.

       

      Wir hoffen, dass Ihnen diese Information weiterhilft. Für weitere Fragen stehen wir gern zur Verfügung.

     

    Dr. Bernd Bäse

     

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